Lilith ist älter als die Religion, die sie verbannt hat. Ihre Wurzeln liegen nicht im Judentum oder Christentum, sondern in Sumer, vor über viertausend Jahren. Dort taucht sie als Lilitu, Lilu oder Ardat-Lili auf. Windartige Geister, weiblich, wild, mit erotischer und nächtlicher Symbolik. Keine Einzelfigur, sondern eine ganze Klasse von Wesen, die zwischen den Welten standen, mit Stürmen und Krankheiten assoziiert, mit nächtlicher Verführung. In der sumerischen Welt waren diese Geister nicht rein böse. Sie trugen Furcht und Faszination zugleich. Eine ältere Schicht, in der das Wilde noch nicht das Verdammte war.
In den akkadischen und babylonischen Texten verdichtet sich die Figur. Mit Lamashtu, einer ähnlichen Dämonin, verschmilzt sie teilweise. Sie wird zur Grenzgängerin zwischen Lebenden und Toten, zwischen Lust und Zerstörung, zwischen Mensch und Göttin.
Erst Jahrtausende später, im alphabetischen Midrasch von Ben Sira aus dem 8. Jahrhundert, wird aus Lilith Adams erste Frau. Die, die sich nicht unterwerfen wollte. Sie verlässt ihn, weil sie sich als gleichwertig sieht. Sie spricht den geheimen Namen Gottes aus, ein Symbol für wahre Macht, und flieht. Aus der archaischen Grenzgeist-Göttin wird eine dämonisierte Figur, die Kinder bedroht und Männer im Schlaf verführt. Eine typische Strategie patriarchaler Religionen: Mächtige Frauen werden zu Dämonen gemacht.
In der kabbalistischen Tradition steht Lilith neben Samael, dem gefallenen Engel, dessen Name Gift Gottes bedeutet. Während Adam und Eva das gehorsame Paar sind, bilden Lilith und Samael ihr dunkles Gegenstück. Das verstoßene, wilde, freie Urpaar. Verbunden aus freier Wahl und dunkler Lust. Beide gefallen, beide ungezähmt, beide ganz.
Wenn wir das Rauschen der Jahrtausende deuten, ist Lilith in Wahrheit eine Verkörperung weiblicher Macht, Sexualität und Unabhängigkeit. Ein Symbol für die Frau, die geht, statt klein zu werden. Eine Kraft, die sich nicht beugen lässt, die nachts fliegt, stürmt, liebt und niemals vergisst, wo sie war.
Mein persönlicher Bezug zu dieser Kraft liegt in meinem Geburtschart. Meine Lilith steht im Löwen, im siebten Haus. In Begegnungen bin ich nicht leise. Ich werde gesehen oder ich brenne das Ganze nieder. Beziehungen sind für mich kein Ort der Anpassung, sondern ein Spiegel. Ich lasse mich nicht zähmen. Aber ich darf mich hingeben, wenn meine Würde nicht zur Verhandlung steht.
Diese Energie kennt ihre Zeit im Zyklus. Sie kommt in der zweiten Lutealwoche, in den Tagen vor der Blutung, in der Phase, die das Patriarchat am liebsten medikamentös ruhigstellt und PMS nennt. Lilith ist die Stimme darin. Sie ist die Kraft, die Wahrheiten ausspricht, die der Rest des Zyklus höflich verschluckt. In dieser Zeit erinnere ich mich, dass ich nicht halb bin. Dass mein Nein heilig ist und mein Ja eine Wahl, keine Pflicht.