Bevor Baba Yaga von der Christianisierung zur Hexe degradiert wurde, war sie eine archaische Macht im slawischen Raum. Keine Göttin im strengen Sinn – Mokosch trägt diesen Titel als einzige Frau im offiziellen Pantheon. Baba Yaga steht daneben, davor, jenseits: eine vorpantheonische Gestalt, älter als die Ordnung der Götter, näher an Wald, Tod und Erde als an Tempel und Kult. Ihre Geschichten sind in ganz Russland verwurzelt, ihre Einflüsse reichen bis in den Balkan. Wer ihr im Volksmärchen begegnet, in den Geschichten von Hänsel und Gretel, in den abgeschnittenen Spuren slawischer Mythen, der spürt: Hier ist mehr als eine Hexe. Hier ist eine Göttin, die zur Karikatur eingedampft wurde, weil sie zu groß war, um sie ganz zu vergessen.
In meiner persönlichen Mythologie ist Baba Yaga dem Neumond zugeordnet, dem Winter, der Menstruation. Sie ist die Kraft am Ende des Zyklus, die nichts mehr beschönigt. Tod und Wiedergeburt in einer Gestalt.
Sie lebt tief im Wald, in einer Hütte auf Hühnerbeinen, umzäunt von den Schädeln ihrer Feinde. Das Haus dreht sich, wechselt den Ort, bleibt unentdeckt. Nachts fliegt sie nicht auf einem Besen, sondern in einem Mörser durch die Luft. In diesem Mörser zerquetscht sie, was ihr in die Quere kommt. Fernab jeder Zivilisation ist sie sich selbst genug.
Heute werden alte Frauen nicht geschätzt. Sie gelten als schwach, klapprig, unbrauchbar. Es wird erwartet, dass sie unsichtbar werden, weil das Patriarchat von ihnen bereits genommen hat, was es brauchte: ihre Fruchtbarkeit, ihre Arbeitskraft. Diese Haltung ist zutiefst misogyn. Baba Yaga erinnert uns daran, dass alte Frauen die größte Bedrohung für patriarchale Ordnung sind. Sie sind weise, stark, und tolerieren kein Fehlverhalten. Sie zeigt uns unsere weibliche Kraft – in jedem Alter.
Oft wird sie betont hässlich dargestellt, mit überlanger Nase, Warzen, Buckel. Doch Baba Yaga ist vollkommen im Reinen mit sich. Wer sie ansieht und Hässlichkeit erkennt, sieht lediglich seine eigenen Unzufriedenheiten. Je unzufriedener man mit sich selbst ist, desto hässlicher erscheint sie.
Sie hat hohe moralische Standards. Wer ihr begegnet, muss Fragen beantworten. Gefallen ihr die Antworten nicht, verbrennt sie den Befragten in ihrem mannshohen Ofen.
Mit ihrer Kraft löst du Probleme und gewinnst die Kontrolle über dein Leben zurück. Besonders bei Themen wie Selbstwert, Grenzen halten, sexuellem Missbrauch, Trauma und unverarbeiteter Kindheit kann sie helfen. Aber denke daran: Es ist kein Tauschgeschäft. Es ist eine Beziehung – und sie verlangt Hingabe.